Der Flachmann mit der großen Klappe
Donnerstag, den 20. Oktober 2011

One, Cabrio, Clubman, Countryman und jetzt das neue Coupé – die britisch-bayerische MINI-Modellfamilie wird langsam Maxi. Für wen ist der neueste Spross gedacht?

Das Coupé gibt den jungen Wilden im Club – sogar ein wenig Unvernunft wird ihm in München erlaubt. Optisch präsentiert er sich extrem eigenständig – und polarisiert. Die einen vergleichen das von MINI „Helmdach“ genannte Design mit einer falsch herum aufgesetzten Baseballkappe, für die anderen ist das neue Modell (endlich) so frech und flott, wie es die Marke schon immer sein wollte und sollte. Und natürlich gibt es die knapp geschnittene Mütze, wie bei MINI üblich, in (derzeit) drei Kontrastfarben. Auf jeden Fall fällt das Coupé auf – 23 mm weniger Höhe und die deutlich flacher stehende Frontscheibe in Verbindung mit dem jetzt deutlich abgesetzten Kofferraum sorgen für neugierige Blicke an der Ampel.

Ein weiterer Hingucker ist an der Ampel nicht erkennbar: Bei 80 km/h fährt automatisch ein Heckspoiler aus, der bis zu 40 kg Anpressdruck auf der Hinterachse liefert und die Kurvenstabilität bei höheren Tempi verbessert. Das kennt man bisher nur von Porsche & Co. Für das Posen an der Eisdiele lässt sich der Heckflügel übrigens auch per Knopfdruck ausfahren.

Coupés gelten gemeinhin als schön, aber eng und unpraktisch. Die Bayern haben sich richtig Mühe gegeben, die konzeptbedingten Nachteile zu vermeiden. So sorgen zwei Ausbuchtungen im Dachhimmel für ausreichend Kopffreiheit auch bei großgewachsenen Fahrern. Und der Verzicht auf eine Pseudorückbank beschert Fahrer und Beifahrer großzügige Platzverhältnisse. Dazu gibt es einen für MINI-Verhältnisse riesigen, aber flachen Kofferraum mit 280 Litern (das ist mehr als beim MINI Clubman), der sich dank der größten MINI-Heckklappe aller Zeiten gut beladen und dank einer pfiffigen Durchreiche auch flexibel nutzen lässt – da hatten Marketing- und Entwicklungsabteilung gemeinsam flippige Snowboarder im Visier.

Das Coupé gibt es nur mit den stärkeren Motoren ab 122 PS (Cooper Coupé, € 21.200,-) sowie als Diesel mit 105 PS (Cooper SD, € 26.300,-). Wir fuhren das Cooper S Coupé mit 184 PS für € 25.300,– und hatten jede Menge Spaß. Der turbogeladene Vierzylinder mit 1,6 Litern Hubraum hängt natürlich auch im Coupé gierig am Gas – ab 3.000 Touren brennt das Triebwerk ein echtes Feuerwerk ab und verwöhnt dazu noch mit einem sehr kernigen Sound. Der niedrigere Schwerpunkt und die versteifte Karosserie machen das Mehrgewicht von 35 kg gegenüber dem Cooper S One mehr als wett – subjektiv flitzt der Zweisitzer nochmals etwas agiler und zackiger ums Eck. Die Lenkung ist sportlich direkt und lässt sich, außer bei nasser Fahrbahn, auch von immerhin 184 PS an den Vorderrädern nicht sonderlich beeindrucken – Antriebseinflüsse sind im Alltagsbetrieb kaum bemerkbar. Die 6-Gang Schaltung ist gewohnt trocken und präzise. Bummeln im Innenstadttempo im höchsten Gang? Kein Problem – und nur ein kurzes Zucken im rechten Fuß und es geht nachdrücklich voran. Allerdings stellt das auf sportliche Fahrer ausgerichtete Paket höchste Anforderungen an die Reife des Piloten – ansonsten ist der angemessene Normverbrauch von 5,8 Litern schnell Makulatur. Und wer dem ständig juckenden Gasfuß nachgibt und es innerorts richtig übertreibt, signalisiert durch den ausgefahrenen Heckspoiler schon von Weitem, was Sache ist (oder gerade noch war). An der gut dosierbaren und standfesten Bremse liegt es auf jeden Fall nicht, wenn es zu schnell voran geht.

Gibt es auch was zu meckern? Nicht von der Hand zu weisen ist die bestenfalls durchschnittliche Übersicht nach schräg hinten – vor dem Spurwechsel kann ein zweiter Blick über die Schultern also nicht schaden. Und die Sicht durch das schmale Heckfenster wird bei ausgefahrenem Spoiler noch schlechter. Trotzdem ist das MINI Coupé übersichtlicher als andere klassische Zweisitzer, die Sicht nach vorn und zur Seite ist sogar deutlich besser als bei vielen Konkurrenten – außerdem sitzt man nicht in einer tiefen, dunklen Höhle wie z.B. im Audi TT. Cockpit und Innenraum unterscheiden sich beim schicken Dreitürer kaum von der Limousine – der zentrale Tacho ist und bleibt also schlecht ablesbar.

Für wen ist das Coupé nun die richtige Wahl? Wer MINI nicht mit Retro oder Zeitgeist verbindet, sondern dabei an ein wieselflinkes Auto mit jeder Menge Spaßpotential denkt, ist mit dem Coupé bestens bedient. Verzicht auf zwei meist überflüssige Sitzplätze, ein freches und dynamisches Design sowie ein alltagstauglicher Kofferraum gepaart mit hervorragenden Fahreigenschaften – auf seine Art ist das Coupé der ursprünglichste MINI. Voraussetzung ist natürlich das entsprechend gefüllte Konto – unser Testwagenpreis kratzte an der 35.000 €-Marke. Die Aufpreisliste ist gewohnt umfangreich – wer will, kann seinen MINI nicht nur bis zur letzten Blende individualisieren, sondern auch via „Connected“ iPhone/iPod-kompatibel machen und mit Apps & Google, Facebook & Twitter vernetzen.

A Propos Unvernunft: 2012 kommt der auf der IAA gezeigte Roadster zum Händler – leider nicht mit zwei sexy Hutzen hinter den Kopfstützen á la Porsche Speedster. Wir freuen uns trotzdem schon jetzt. Und vielleicht gibt’s ja sogar mal einen Pick Up oder einen Nachfolger des MINI Moke…



Mini Cooper Coupé
Baujahr:2011
MINI Cooper S Coupé
Listenpreis25.300,- €
L / B / H:3,73 / 1,68 / 1,38 m
Leergewicht:1.165 kg
Zuladung:290 kg
Gepäckraum:280 Liter
Sitzplätze:zwei
Hubraum:1.598 cm3
Leistung:135 kW/ 184 PS
Drehmoment:240 Nm
Getriebe:6-Gang Schaltgetriebe
Spitze:230 km/h
0 auf 100 km/h: 6,9 Sekunden
Normverbrauch: 5,8 Liter
CO2-Austoß:136 g/km

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